Lorenzo Villoresi

Lorenzo VilloresiLorenzo Villoresi
Lorenzo Villoresi - Firenze
Der Parfümeur Lorenzo Villoresi

Lorenzo Villoresi wurde in Florenz in einem schlichten Palazzo in einer der ältesten Straßen der Stadt geboren. Noch heute ist die strenge architektonische Struktur der Via de’ Bardi erhalten, die umschlossen ist von der grünen Macchia, die von den Steilhängen der Costa Scarpuccia herabkommt. Sie trägt den Namen einer der berühmtesten Familien der mittelalterlichen Handelsaristokratie, welche genau dort ihre eigenen Warenlager besaß. Die Bardi, große Bankiers, dominierten über Jahrhunderte das politische und wirtschaftliche Leben dieser bahnbrechenden Republik Florenz, schon Herrin der orientalischen Handelswege und unumstrittene Marktführerin – zusammen mit der Serenissima – für die Verarbeitung und Verbreitung der kostbarsten Waren.

Eine Faszination des Abenteuers, des Reisens, der Wiederbelebung vergessener Traditionen und Geschichten wurde von Lorenzo Villoresi vollständig aufgenommen und zu Eigen gemacht. Er, Weltbürger aufgrund des Blutes, der Berufung, der Neugier, stammte aus einer Familie, die in sich die unterschiedlichsten Wurzeln vereinte. Eine von einem Schatz aus verschiedenen Erinnerungen, Bräuchen und Sprachen genährte Kultur wurde auch im täglichen Leben bewusst gelebt.

Savoyardische Vorfahren, darunter auch ein Carlo de Loche, salgarianischer Kapitän zur See, dessen unzählige Reiseandenken, orientalistisches Cosmorama aus dem neunzehnten Jahrhundert, von weit entfernten Meeren berichten, vermischen sich mit dem Bild einer ungarischen Großmutter, deren großes Porträt das Arbeitszimmer von Lorenzo dominiert. Der alte toskanische Stamm, in dem sich all diese Zweige vereinen, gehört, auf subtile Weise ironisch, aber gleichzeitig weltläufig und spekulativ, zu den Hageren und Aufrichtigen, jenen Leuten, die in der Absonderung der bürgerlichsten Landwirtschaft der Welt die Oliven auf die selbe Weise anbauen, wie sie alte Familienerinnerungen pflegen. Eine freie Kindheit verbrachte er in der Familienvilla auf den Abhängen des Monte Morello, in enger Verbindung mit der Natur, deren von den Jahreszeiten bedingten Rhythmen und Geheimnissen – in einer ländlichen Welt, die es nun fast nicht mehr gibt. Die Schlüsselfigur dieser Einführung in die natürliche Welt, in die Liebe und die Kenntnisse der botanischen Arten und deren therapeutische Eigenschaften, war der Vater Luigi. Teilnehmender Zeuge einer blühenden und leidenschaftlichen Epoche in einem Florenz, das sich noch als großzügige Werkstatt der Kultur anbot, verband er Kunst und Literatur mit dem einfachen Landleben. Das Familienhaus, ein prächtiges Gebäude, dessen Grundbau aus dem hohen Mittelalter stammt und das im fünfzehnten Jahrhundert erweitert wurde, ist ein privilegierter Ort für Spiel und Phantasien. Die sehr lange Loggia, die Temperamalerei von Bartolomeo Pinelli und die neoklassischen Fresken des Sarti, die glänzenden, seit Jahrhunderten abgenutzten Fußböden aus Terra Cotta, die weitläufigen, geheimnisvollen Keller, werden, wie der eingemauerte Garten, Hortus conclusus, durchzogen von strengen Buchsbäumen, Zitronen- und Bitterorangenbäumen. Ein auserwählter Ort für, auch durch Düfte hervorgerufene Verzauberungen. Der Ruf des Orients, wohin sich Lorenzo während seiner Studienjahre begeben wird, dringt ständig in die Geschichte der Villoresi ein. In den ersten wirklich schwierigen Jahren der Nachkriegszeit hat seine Mutter, Clarissa Villoresi, mutig die Wege der alten toskanischen Händler rückwärts begonnen, indem sie in Kairo eine Boutique eröffnete, in der das raffinierteste florentinische Kunsthandwerk angeboten wurde. Die ägyptische Hauptstadt, ein wahrhaftig internationaler Kreuzungspunkt, wo man entmachteten Königen und Spionen, Aktivisten der entstehenden politischen Bewegungen des nahen Ostens und Angehörigen des Jet-Set begegnen konnte, erlebte damals einen besonders intensiven Moment. Erzählungen und Erinnerungen dieser Erfahrung der Eltern gehören zu Lorenzos emotionalem und imaginärem Erbe. Und er selbst folgte einige Jahre später, um sein Studium der klassischen Philosophie zu vertiefen und zu vervollständigen, der Straße eines Orients, der auf irgendeine Weise schon zu ihm gehörte.

Auf den Spuren von antiken Kulturen, vor allem der jüdischen, aber auch der ägyptischen und mesopotamischen, die scheinbar sehr weit von einander entfernt, aber in Wirklichkeit so sehr mit der unsrigen verknüpft sind, wird er im nahen Osten lange Studienaufenthalte und Reisen verbringen. Dort, wo er eine Diplomarbeit über das anspruchsvolle Thema der Vorstellung des Todes im archaischen jüdischen und hellenistischen Denken entwirft, wird er die Welt der Essenzen und der Gerüche entdecken, neben den Geschmacksrichtungen und Bräuchen dieser Länder. Lange Reisen ohne ein bestimmtes Ziel. Die Suche nach aromatischen Gewürzen und duftenden Ölen wurde zu einer Gelegenheit, sich in ein einsames Abenteuer zu begeben, frei, ohne Termine oder vorher festgesetzte Zwischenstationen, vor allem ohne Eile. Eine Verfügbarkeit für das Schicksal, die zu einer ständigen Bereicherung führt. Ganze Tage verbrachte er im Bazar von Kairo, auf dem Markt Omdurman von Khartum, im gequälten Herzen des alten Jerusalems, ohne genaue Ziele, aber jedes Mal reich an Entdeckungen und Begegnungen. Auf den Bergen des Sinai, in der Nähe des alten Klosters St. Katharina, an damals wenig besuchten Orten, lernt Lorenzo von den Beduinen die mündlich überlieferte Tradition der Heilpflanzen der Wüste. Er lernt das einheimische Gewürz Habaq kennen, das als Aufguss verwendet wird, und andere Arten mit verschiedenen heilenden Eigenschaften. Aus dem Orient entspringt also eine Quelle von Düften und Empfindungen, herbei gerufen, um den bestimmten Willen zu nähren, die veraltete Tradition der florentinischen Schule der Parfümherstellung wieder zu erwecken. Ein zusammengesetzter Corpus, durchzogen von lebhaften Fermenten, aktualisiert durch ein längeres Eintauchen im New York unserer Zeit, dem pulsierenden Herz der zeitgenössischen Welt.

Villoresi betont, dass das Parfüm ein privilegierter «Ort» des Entwurfs von einem selbst werden muss, Nuancierung der eigenen Gedanken, mehr oder weniger offenbarte Regung der Seele, eine für die andern geschlossene oder geöffnete Zugangstür, Gelegenheit, Spiel, Mittel der Verführung. Die Forschung windet sich immer weiter in die Tiefe, durch eine schwer zu kontrollierende, wichtige Palette von Essenzen. Eine Sammlung von verwurzelten toskanischen Elementen, wie dem Lorbeer absolut, dem Laurus nobilis der Dichter, oder wie der ehemals wertvollen und unersetzbaren weißen Wurzel der Iris. Geschätzte Essenzen der westlichen Tradition werden mit Respekt neu interpretiert, aber öfter mit ironischer und hexenhafter Miene, gemischt und unterwandert von den mystischen Betäubungen, von den gewürzten Berauschtheiten eines gekannten und geliebten Orients. Dadurch entstehen Parfüms, die sowohl wegen der raffinierten handwerklichen Produktionsmethoden, als auch wegen der Auswahl von edlen Materialien – Seide, Leder, Kristallglas, Silber – für Packungen und Fläschchen begehrt sind. Villoresi möchte den Respekt und die Kontinuität einer aufgegebenen, aber preziös entstandenen Tradition vermitteln, welche die Parfümerie bis zum Beginn des Zeitalters der Gegenwart gewesen ist. Ihn bewegt der Wille, eine Kunst mit all ihren Geheimnissen zu rekonstruieren. Eine nach und nach zu enthüllende Welt, die zu der heutigen in Beziehung gesetzt wird, auch konfliktträchtig und ohne unnützes Bedauern, unter anderem dank der Verwendung von Materialien, die in der Lage sind, die Zeit zu überschreiten, und die von uns wie von unseren Vorfahren an dem ihnen innewohnenden Wert erkannt werden können. Es handelt sich also um Parfums, die die Persönlichkeit ihres Schöpfers reflektieren und darüber hinaus, aufgrund ihrer extremen und rigorosen Wirksamkeit und ihres umfassenden Reichtums ein persönlicher Ausdruck derjenigen ist, die sie begehren. Düfte, die auf dem widersprüchlichen Grat des Unzeitgemäßen leben, entfernt vom Lärm des zeitgenössischen Konsumverhaltens wie von den abgenutzten Nostalgien einer wenig gekannten, mystifizierten und auf jeden Fall unwiederholbaren Vergangenheit.